Nicht wie früher, aber wieder lebendig – meine Lieblingswiese.
Hier habe ich gelernt, warum Pflanzen genau dort stehen, wo sie stehen – wie das Gelände ihre Verteilung beeinflusst und wie sie auf Licht, Feuchtigkeit und Boden reagieren. Mit Spannung habe ich beobachtet, nach welchen Regeln sich Gemeinschaften bilden, verschieben, behaupten – und auch wieder verschwinden. Ich staunte über die Schönheit der Farben, über die feinen Verläufe im Rhythmus der Jahreszeiten. Dann kam der Schock. Aber auch ein neues Kapitel.
meine Lieblingswiese
Wie ein aufgeschlagenes Buch erzählen die Pflanzen von ihrer Wechselwirkung und der Anpassung an ihren jeweiligen Standort.
In einem etwas abgelegeneren, weitläufigen Tal erstreckt sich meine Lieblingswiese – von einem höher gelegenen Waldrand über einen sanften Bergrücken bis hin zu einem kleinen, lebendig gewundenen Bach. Versteckt in diesem Tal liegt sie – eine Wiese wie aus dem Bilderbuch. Ungestört, artenreich, voller eingeschworener Pflanzengemeinschaften, die sich über Jahre hinweg eingespielt hatten. Wie ein aufgeschlagenes Buch erzählen die Pflanzen von ihrer Wechselwirkung und der Anpassung an ihren jeweiligen Standort. Ein lebendiges Mosaik aus Farben, Formen und Beziehungen.
Dann steigt die Wiese sanft Richtung Wald an. Die Mittags- und Abendsonne durchwärmt den Hügelrücken. Nährstoffe und Feuchtigkeit des Untergrunds nehmen beim Anstieg zur Hügelkuppe und zum Waldrand stetig ab und machen Platz für das bunte Bild immer schlanker und zierlicher werdender Blüten: Flockenblumen, Witwenblumen, Wiesensalbei. Schmetterlinge gaukeln vor blauem Himmel und weißen Wolken. Oben am Waldrand, am höchsten Punkt angekommen, lichtet sich die Wiese. Zu trocken für die meisten Pflanzen, finden hier auch zierliche Karthäusernelken und sogar Steinnelken ihren Platz, ehe Sträucher schützend den Wald umrahmen und ihn vor Hitze bewahren. Jede Pflanzenart steht genau am richtigen Ort. Pflanzengruppen dort, wo sie hingehören – wo sie die idealen Standortbedingungen finden.
Mehr dazu in meinem Buch
«SO GEHT NATURGARTEN»
im Kapitel „Gelände“.
Eine Weide, bei der man förmlich den Saft von schmatzenden Mäulern tropfen sieht.
Ganz unten, am kühlen Bach, noch im Schatten der Waldbäume, haben sich im Laufe der Zeit feuchtigkeitsliebende Arten wie gelbe Sumpfdotterblumen, Schachtelhalme und Schlüsselblumen eingefunden. Immer wieder versuchen sie, weiter ins Licht vorzudringen. Einzelne schaffen es, werden jedoch bald von kräftigeren Lichtpflanzen abgelöst und verdrängt. Die großen Blattschirme der Pestwurze breiten sich aus, folgen dem Bachlauf und den durchnässten Stellen, bis sich große Rohrkolbengemeinschaften ausbreiten. Folgt man dem Bachlauf, profitiert auf dem breiten Band mit bester Nährstoff- und Wasserversorgung eine Vielzahl von Pflanzen: saftstrotzender gelber Löwenzahn, Wiesen-Pippau, kräftiger Bärenklau, Kohlkratzdisteln und Spitzwegerich gedeihen auf beiden Seiten des Baches. Eine Weide, bei der man förmlich den Saft von schmatzenden Mäulern tropfen sieht. Im Frühjahr branden weiße Schaumkronen der großen Doldenblüten des Bärenklaus gegen die Bachufer, durchsetzt vom üppigen Gelb der Löwenzahnblüten.
Mehr dazu im Beitrag
«Lebensraum Wiese»
Auf meinen Streifzügen durch das Gelände habe ich viel von ihr gelernt. Zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten konnte ich beobachten, wie sich Pflanzengemeinschaften entwickeln, verschieben und behaupten. Die Wiese war ein lebendiges, buntes, heiteres Paradies, das im Rhythmus der Jahreszeiten immer neue Geschichten vom Gedeihen, Blühen und Vergehen erzählte. Man hört sie, wenn man durch Gräser und Blumen streift oder im Gras liegend in den blauen Himmel dem Zirpen lauscht.
Der Schock!
Glyphosat wurde ausgebracht – die Wiese sollte zum Acker werden.
Bis eines Tages alles braun und komplett verdorrt war. Glyphosat wurde ausgebracht – die Wiese sollte weichen und zum Acker werden. Der Regen spülte das Gift in den kleinen Bach. Keine Libelle flog mehr. In diesem Jahr gab es kein Bunt, keine Rohrkolben, mit denen man sein Kissen füllen konnte. Ich weiß nicht mehr, was anschließend angebaut wurde. Es schien nicht von Erfolg gekrönt.
Monokulturen haben es schwer in einem Gelände wie diesem: Ein teilweise bewaldetes Tal mit ständig wechselnden Standortbedingungen – mal zu trocken, mal zu nass, mit ungleichmäßiger Lichtverteilung und Temperaturschwankungen durch den angrenzenden Wald. Dazu kommen magere Böden an den Hängen, im Kontrast zu nährstoffreichen Senken. Gerade diese Vielfalt an Geländeformen und Mikroklimazonen hatte einst eine unglaubliche Fülle an Pflanzen und Tieren ermöglicht.
Die neue Wiese!
Es wurde komplett neu eingesät – mit heimischen Wiesenpflanzen. Aber eine Vielfalt, die über viele Jahre gewachsen ist, lässt sich nicht einfach so zurückholen. Die neue Einsaat bestand aus einer begrenzten Auswahl an Pflanzensamen, die gleichmäßig über das Gelände verteilt wurden. Standortbedingungen wie Bodenbeschaffenheit, Feuchtigkeit und Lichtverhältnisse blieben unberücksichtigt. Die neue Pflanzendecke wirkt daher vorerst einheitlich und wird einige Jahre brauchen, bis sich die Pflanzen an den für sie idealen Standort einfinden. Es ist nicht die alte Wiese, nicht deren Vielfalt – aber es ist ein sehr guter Anfang.
Es ist nicht die alte Wiese, nicht deren Vielfalt – aber es ist ein Anfang.
Wiesen-Flockenblume
Schafgarbe
Klee
Der Rote Klee wie auch der Gewöhnliche Hornklee sind Stickstoffsammler und gehören zu den Leguminosen. Auf einer Magerwiese, die seltene und nährstoffarme Standorte liebende Pflanzen fördern soll, ist das etwas kontraproduktiv. Aber drücken wir ein Auge zu. 🙂
Wegwarte
Und hier eine Wegwarte. Mitten in der Wiese, aufrecht und blau leuchtend – doch vermutlich hat sie es bei zweischüriger Mahd nicht leicht. Vielleicht findet ein Samenkorn künftig einen besseren Platz am Rand, wo seltener gemäht wird. Dort könnte sie sich in voller Größe entfalten – bis zu 1,5 Metern – und ihre Blüten dem Licht entgegenstrecken.
Bläulinge
Waldmistkäfer
Fast wäre ich draufgetreten! Mitten auf der Wiese – die Losung eines Rehs. Und darin: ein pikfeiner Waldmistkäfer, ganz in Gala. Ein glänzender Profi im „Naturgeschäft“ – und hier kommt sein Ausstattungskatalog:
Die Features:
- Haute Couture mit Hightech-Glitter-Effektlackierung
- inklusive Antihaftbeschichtung mit Premium-Abperl-Effekt – wetterfest und garantiert mistresistent.
- Antennen mit chemorezeptiven Supersensoren – für die feine Nase zum Aufspüren kulinarischer Highlights im Unterholz.
- Und das Beste: Von der Käfernase bis zur Flügelspitze – ganz im Sinne von nose to tail – 100 % ökologisch abbaubar – alle Achtung!
Dost
Und gleich nach dem Mistkäfer die nächste Superlative: Der Dost – ein Insektisizer erster Güte! Hier trinkt alles von Rang und Namen einen gepflegten, würzigen Tropfen Nektar: Schmetterlinge, Wildbienen, Fliegen, Wespen, Wanzen und Ameisen – in allen Größen sind hier vertreten.
Wilde Möhre
Nach dem Dost dürfen wir natürlich die Wilde Möhre nicht vergessen! Ebenfalls eine erstklassige Insektentankstelle – ständig neue, spannende Flugobjekte, die mir meine Foto-Souffleuse Annette aufgeregt zeigend ins Ohr flüstert.
Zwischen den Stängelebenen schiebe ich das Objektiv vorsichtig vor, Zentimeter für Zentimeter. Die Szene ist perfekt – aber das Motiv zappelt, der Wind spielt mit den Blüten, und ich? Ich halte die Luft an. Nicht einfach so, sondern mit dem ganzen Körper: Schultern hochgezogen, Bauch eingezogen, kein Muskel darf sich bewegen.
Die Sonne brennt auf den Rücken, die Kamera liegt irgendwann schwer in der Hand, mein Finger schwebt über dem Auslöser wie über einem roten Knopf. Scharfstellen, fokussieren, nicht blinzeln. Und dann – Klick. Hoffen, dass das Bild sitzt, wenn ich nach einer gefühlten Ewigkeit aus den Stängeln, Halmen und Gräsern wieder auftauche.
Beifußblättriges Traubenkraut
Na, wer versteckt sich denn da zwischen den Halmen? Das Beifußblättrige Traubenkraut wie auch das Einjährige Berufkraut gehören leider nicht in eine Wiese. Beide sind sogenannte invasive Neophyten – also nicht einheimische Pflanzen, die sich so stark ausbreiten können, dass sie andere Arten verdrängen.e setzen sich besonders auf gestörten Bodenstellen oder trockenen Magerwiesen fest – dort, wo seltene Pflanzengemeinschaften wachsen, die ohnehin schon selten geworden sind.
Merke! Das Berufkraut hat seinen Namen nicht etwa, weil es sich für einen Bürojob beworben hätte. Nein, der Ursprung liegt im alten Wort „berufen“, also herbeirufen.
Früher glaubte man nämlich, dass man mit diesem Kraut Geister, gute Kräfte oder sogar Heilung „berufen“ könne – quasi ein pflanzlicher Türöffner zur jenseitigen Hotline. Heute ruft es eher Gärtner auf den Plan, die es aus der Wiese entfernen wollen.
Also: kein Karrierekraut, sondern ein Kräutlein mit spiritueller Vergangenheit und botanischem Expansionsdrang.
Moschus-Malve
Die Moschus-Malve ist auf der drei Hektar großen Wiese mit nur zwei Exemplaren deutlich unterbesetzt, finde ich. Da muss unbedingt noch nachgebessert werden.
Welchen Zweck wohl der Moschusduft bei der Malve hat? Dem Moschusochsen – der übrigens weder Ochse noch Rind ist, sondern mit Ziege und Schaf verwandt – fiel wohl nichts Besseres ein, um bei den Weibchen zu punkten.
Taubenkropf-Leimkraut
Auch das nur vereinzelt anzutreffende, zierliche Taubenkropf-Leimkraut muss deutlich produktiver werden!
Vermutlich ist die Wiese noch zu nährstoffreich. Hoffentlich wird sie nach der Mahd immer schön abgeräumt, um überschüssige Nährstoffe zu entziehen – damit sich auch zarte, seltene Trockenwiesenpflanzen endlich durchsetzen können.
C-Falter
Wiesen-pipau
Und endlich Gelb – der Wiesen-Pippau! Der Korbblütler bringt die anderen Farben erst richtig zum Strahlen.
Zwar recht häufig, aber mit Starallüren – denn er blüht nur morgens. Wer zu spät kommt, sieht nur kleine Pusteblumen, deren Samen übrigens gerne von Vögeln gefressen werden.
Wiesen-Margerite
Anlehnungsbedürftige
Einfach anlehnen – eine elegante Strategie, um Licht zu erreichen, ohne selbst in Stabilität investieren zu müssen. Diese Pflanzen besitzen keine stabilen Stängel, sondern nutzen benachbarte Pflanzen als Kletterhilfe:
- Zaun-Wicke (Vicia sepium)
- Vogel-Wicke (Vicia cracca)
- Wiesen-Labkraut (Galium mollugo)
Die beiden Wicken gehören zur Familie der Leguminosen (Hülsenfrüchtler): Sie leben in Symbiose mit Knöllchenbakterien, die atmosphärischen Stickstoff binden und so den Boden auf natürliche Weise mit Nährstoffen versorgen.
Das Wiesen-Labkraut hingegen bildet feine, kriechende Stängel mit winzigen Haken, die sich an Gräsern und anderen Pflanzen festhalten.
Wiesen-Salbei
Wiesen-Witwenblume
Manche Namen verwundern schon: Witwenblume!? Was hat es denn damit auf sich? Bei meiner Recherche erfahre ich, dass die Wiesen-Witwenblume eine vierteilige Blütenkrone besitzt, während die sehr ähnliche Skabiose fünf Kronblätter trägt. Im Volksglauben galt die Witwenblume deshalb als „verwitwet“ – weil ihr ein Blütenblatt fehlt.
Da gefällt mir ihr volkstümlicher Name Nähkisselchen doch schon viel besser. 😊
Kaisermantel
Kratzdisteln
Wirbeldost
Der Wirbeldost (Clinopodium vulgare) ist eine typische Art nährstoffarmer, extensiv genutzter Wiesen. Seine kleinen, rosavioletten Blüten sind in Scheinquirlen rund um den Stängel angeordnet – daher der Name „Wirbeldost“.
Er ist ein Dauerblüher, der über Wochen hinweg täglich neue Blüten öffnet. Diese gestaffelte Blütezeit ermöglicht es, dass Samen bereits reifen, während oben noch frische Blüten bestäubt werden – eine effiziente Strategie zur gleichzeitigen Fortpflanzung und Samenbildung.
Herbstzeitlose
Damit verabschiede ich mich auch von dir und wünsche dir. Genieße den Spätsommer – und bis zum nächsten Blogbeitrag! 🙂
© Alle Bilder von Katja Falkenburger
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